Wenn wir den Schülern zuhören….

by Martin Schneider

Es war wie in den guten alten Zeiten, als ich noch zur Schule ging – Jugendherberge, ein kleiner Gruppenraum, gemütlicher DDR Standard, für 30 Leute maximal, gut 50 Schüler der Landesschülerräte zur Bundeskonferenz in Flensburg sitzen quasi schon aufeinander, also noch nicht, denn wie auch damals sind 1/3 pünktlich, ein weiteres Drittel just in time und der Rest – kommt dann auch noch. Ich muss schmunzeln. Nicht nur, weil wir früher auch so waren, sondern noch mehr, weil dann als Student das akademische Viertel als eine gute Ausrede daherkommt und auf den Konferenzen heute unter der Generation Erfahrung die wirklich wichtigen Netzwerkgespräche einen pünktlichen Start um ein paar Momente verschieben. Scheinbar werden einige von uns eben doch nie so richtig Erwachsen.

Doch was mache ich hier eigentlich? Ich war eingeladen vom Landesschülerrat Sachsen, auf der Bundeskonferenz unseren Jugendwirtschaftskongress vorzustellen. Nachdem einige Schüler mich vorsichtig mit Sie ansprechen wollten und einige andere gleich mit mir auf Augenhöhe unterwegs waren und mir gar keine Wahl geben wollten, fühlte ich mich gleich noch jünger, als ich ohnehin bin, und begann voller Enthusiasmus von unserem Projekt und unseren Vorhaben – den Workshops, den Austausch, den Geld- & Wirtschafts- & Berufsfindungsthemen, den Top Speakern, unseren Gründen, den Teilnehmern und den Unterstützern zu berichten. Als ich meinen Vortrag beendet hatte, fiel mir dann auch wieder ein, weswegen ich nach Flensburg gekommen war. Ich wollte die Schüler doch fragen, was sie sich wünschen, wie unser Kongress für sie gestaltet werden soll, was sie machen möchten und überhaupt, ob wir in eine ähnliche Richtung denken, denn schließlich geht es uns ja genau darum. Denn nicht selten glauben wir Erwachsene zu wissen, was unsere Kinder lernen, wie sie sein und denken und werden sollen, welchen Beruf sie ergreifen müssten oder was sie zu tun und zu lassen haben. Ein Glück waren gerade erst 7 von meinen gut 25min vergangen, so hatte ich noch einmal 18min Zeit, einfach mal die Klappe zu halten und aufmerksam zuzuhören.

Jetzt kam unsere Lieblingsfrage: Was wünscht ihr euch zu dem Themen Geld & Wirtschaft sowie Berufs- und Studienfindung? Dann schwieg ich, wirklich. Und was dann kam, hatte ich so ganz und gar nicht erwartet. Zum einen hatte ich das Gefühl der herausfordernsten Jury, die ich bisher auch im Businesskontext erlebt habe.

  1. Warum in Dresden?
  2. Wer seid ihr überhaupt?
  3. Woher können wir denn sicher sein, dass das auch nachhaltig ist?
  4. Wieso mitten in der Woche? Wieso in den Ferien?
  5. Werden wir auch wirklich freigestellt?
  6. Was ist dann mit den Klausuren und dem Schulstoff, die sich dann verschieben?
  7. Passiert das denn alles wirklich? Denn es gibt ja viele, die sowas versprechen.

Und dann sind wir auch schon beim ‚zum anderen‘. Denn scheinbar etwas blauäugig bin ich davon ausgegangen, dass die Schüler mir aufmerksam zuhören und wir konkret besprechen, welche Inhalte sie sich für den Kongress wünschen, wen sie dabei haben wollen und worin wir sie noch unterstützen können – bis mir dann klar wurde, dass ich wahrscheinlich nicht der einzige bin, der sich vor sie hinstellt und ihnen Dinge verspricht, die in einigen Fällen scheinbar dann tatsächlich so gar nicht passieren. Für uns ist es einfach schon völlig normal, dass wir offen und ehrlich darüber sprechen, was wir glauben, warum wir es glauben und wo wir helfen und unterstützen können. Deswegen war ich ja auch da, um Rede und Antwort zu stehen. Und natürlich habe ich Ihnen gesagt, dass ich Ihnen kein bestimmtes Ergebnis versprechen kann, dass wir nicht mit Sicherheit sagen können, dass es so oder so laufen wird. Warum sollte ich? Praxisnahe Bildung in Deutschland ist ja nicht nur von uns und den Schülern sowie Lehrern abhängig, sondern auch von Schulleitern, Ministerien, Juristen, Unternehmen und andere Akteure, die allesamt teilweise ganz unterschiedlich agieren und erwarten. Das einzige, was wir versprechen können ist, dass wir uns für die Schüler einsetzen, weil wir aus eigener Erfahrung wissen, dass wir erst mit einem nicht unerheblichen Umweg zu einer Berufung gekommen sind, die uns wirklich ausfüllt und glücklich macht. Ich habe nach 7 Jahren Jura-Studium festgestellt, dass ich nicht der Mensch bin, damit Geld zu verdienen, dass sich andere Menschen streiten. Ich habe Studenten an der Berufsakademie begleitet, die reihenweise ihr Studium abgebrochen oder sich durchgequält haben und dann immer noch nicht wissen, was sie nun mit ihrem Leben anstellen solen. Wir unterhalten uns immer wieder mit Kindern, die einfach keinen ‚Bock‘ mehr auf Schule haben, weil sie das Gefühl beschleicht, dass der Schulstoff noch zu wenig mit ihrem späteren Alltag zu tun hat oder noch zu selten ihre Talente und Bedürfnisse fördert.

 

Wird danken Martin Rümmelein herzlich dafür, dass er uns die Fotos zur Verfügung stellt.

 

Ich konnte in den Gesichtern der Schüler in Flensburg sehen, wie die einen mit einem stillen, die anderen mit einem deutlich sichtbaren Nicken zustimmten. Nach einer Befragung ganz am Ende, ob wir den grundsätzlich auf einem guten Weg sind, mit unserer Idee, hoben gut ¾ der Schüler ihre Hände. Einige fragten mich, wo sie sich anmelden können. Erst jetzt wird mir klar, wie wichtig es war, 17h Reise an einem Samstag für 25min mit Schülern zu verbringen. Es wird Zeit, dass wir den Kids endlich zuhören, sie ernst nehmen und ihnen Räume schaffen, wo sie sich wirklich entfalten können. Und ja einen viel zu kleinen Raum in einer Jugendherberge für eine Bundeskonferenz der Menschen, die unserer Zukunft maßgeblich mitgestalten, weil das Geld zu knapp ist, ist sicherlich nicht die größte Baustelle in unserem Bildungssystem. Ja natürlich hat es einen gewissen amüsanten Charme. Nur wenn dann ein Schüler zu mir sagt, dass man sich schon daran gewöhnt habe, dann frage ich mich, was wir den Kids damit auf den Weg geben?

Natürlich gibt es, wie wir wissen und uns heute auch bestätigt wurde, tolle Initiativen und kreative Schulen, engagierte Lehrer, sowie wegweißende Ansätze in einzelnen Bundesländern. Davon werden wir so viele wie möglich nach Dresden einladen und in einem BestPractice gemeinsam mit den Schülern diejenigen identifizieren und unterstützen, die nach Auffassung der Schüler Sinn machen, um sie dann auch allen Schülern flächendeckend zur Verfügung zu stellen. Jeder Schüler im deutschsprachigen Raum soll den gleichen Bildungsstandard, die gleichen Chancen genießen dürfen.

Bevor ich noch zu einigen Anregungen, die mir die Schüler per Wortmeldung mitgegeben haben, vorstelle, möchte ich meinen allergrößten Respekt den Schülern aussprechen, die sich trotz allem immer wieder engagieren und dafür kämpfen, wirklich kämpfen, dass sich etwas ändert. Es ist großartig zu beobachten und dafür nehme ich gern die ein oder andere sehr provokante Frage an. Ich kann sie verstehen, sie wollen einfach ernstgenommen werden und vertrauen können. Den Kids kann man einfach nichts vormachen. Und sie wissen bemerkenswerter Weise genau, was sie wollen. Geben wir Ihnen es doch einfach und gestalten in Freude Zukunft mit Ihnen.

Die Schüler freuen sich darüber,

…wenn einzelne richtig gute Projekte aus einigen Bundesländern als Beispiele herangezogen werden.

…die Projekte von einer freien Institution übernommen werden und nicht nur vereinzelt stattfinden.

…wenn praxisnahe Bildung wirklich nachhaltig passiert.

…wenn man im Gymnasium nicht nur etwas übers Studium erfährt und an den Oberschulen nicht nur etwas zu Ausbildungen.

…wenn es wirklich gute Methoden gebe, um herauszufinden, zu welchem Job man auch gut passt.

…wenn Praktika keim ‚Muss‘ sind und man frei wählen kann.

…wenn sie einen größeren Einblick bekommen, was überhaupt alles möglich ist, nach der Schule.

Ich bin so sehr dankbar für die Einladung und die Chance, mit Schülern aus ganz Deutschland darüber zu sprechen, was es braucht, dass sie glücklich und erfüllt sein können. Wir freuen uns sehr darauf sie auch mit unserem Jugendwirtschaftskongress dabei zu unterstützen.

Jetzt beantworten wir die Fragen der Schüler und hören ihnen wieder aufmerksam zu.

 

 

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