Wenn Schüler mit der Wirtschaft spielen…

Am 6./7.10.2016 fand im Zuge der Wirtschaft anders Denken Werkstatttage ein Wirtschaftsspiel für Schüler der Sekundarstufe II mit 325 Schülern aus dem Raum München an der Rudolf Steiner Schule Ismaning statt. MenschBank hatte die Gelegenheit als Beobachter und am Ende auch Spielleiter den Spielen beizuwohnen, um wertvolle Erkenntnisse für einen Wirtschaftskongress für Schüler, der im Herbst 2017 in Dresden stattfinden wird, zu sammeln.

Das Spiel unterteilte sich in die 3 Etappen der Marktwirtschaft, Planwirtschaft und Assoziativwirtschaft. In jedem dieser Abschnitte konnten die Schüler durch ein simples Marktsystem mit Konsumenten, Verkäufern, Großhändlern, Produzenten und der Bank die verschiedenen Wirtschaftsmechanismen nachempfinden. Das war auch das gesetzte Ziel. Am Ende ging es also, im Gegensatz zu vielen anderen Wirtschaftsplanspielen, nicht um Siegen oder Besiegen, sondern um den Erkenntnisgewinn.

Das Spiel begann für die insgesamt 11 Gruppen aus ca. 30 Spielern mit der Marktwirtschaft. Nachdem einige Spielregeln erläutert und die Schüler diese auch zunächst befolgten, ging es auch schon gleich in die Vollen. Zu Beginn wurden noch Fragen darüber gestellt, ob denn Schwarzmärkte und Erpressungen erlaubt seien oder wie Steuerhinterziehungen funktionieren und wirken. Schon innerhalb der ersten Stunde entstanden dann ein reger Handel auf den ersten Schwarzmärkten, Wissensvorteile wurden nahezu ohne Bedenken gegenüber dem anderen zum eigenen Vorteil ausgenutzt und eine Schülerin versuchte die Banken mit Schokolade und Gummitierchen zu erpressen, nicht gänzlich ohne Erfolg. Oder kurz gesagt, es wurden alle nur denkbaren Grenzen ausgereizt und überschritten.

Auch wenn diese Situation unseren Spielleiter vor eine große Herausforderung stellte, war es doch sehr amüsant, dem Spektakel beizuwohnen. Man hatte das Gefühl, die Schüler konnten sich das erste Mal außerhalb der Regeln so richtig austoben. So viele lächelnde Gesichter und so witzige Unterrichtsstunden innerhalb von 2 Tagen, haben wir persönlich noch nie erlebt. Wenn man dazu bedenkt, wie viele Kompetenzen die Schüler entwickeln mussten, um weiter zu kommen und wie sehr dies durch das Regeln aufstellen, brechen und wieder evaluieren gefördert wurde, eröffnen sich großartige Möglichkeiten für die Schüler und Lehrer in Freude zu lernen und miteinander zu wirken.

Eine wichtige Erkenntnis für die Schüler war sicherlich, dass auf der einen Seite Wissensvorteile im Markt auf Kosten anderer zum eigenen Gewinn führen können und auf der anderen Seite nach einiger Zeit der Reiz alleine zu siegen, dem gemeinsam zu gewinnen weicht. Denn was wir am Ende der ersten Runde beobachten konnten: Wer mehr hat, als er zum Zielerreichen benötigt, agiert großzügiger.

„Im Vergleich zur Marktwirtschaft ist die Planwirtschaft wirklich öde, da schläft man ja gleich ein.“

Obwohl den Schülern die Spieldynamik der Planwirtschaft dann zu langweilig erschien, man hätte an der Stelle vielleicht die Planwirtschaft vor der Marktwirtschaft platzieren sollen, kamen die Kids auf einen spannenden Zusammenhang. Der Wert eines Gutes ist nicht zwingend gleichzusetzen mit dem Preis desselben. Sprich Nahrungsmittel (wie in dem Fall Kartoffeln) haben einen sehr hohen Wert bezogen auf unser aller Überleben und doch ist ihr Preis gerade in der westlichen Welt sehr gering. Wie wir später in einer kurzen Diskussion herausfanden, gilt das nicht nur natürlicherweise für die Planwirtschaft, sondern auch für die Marktwirtschaft. Die Schüler haben damit ganz vereinfach die teilweise Irrationalität der Märkte des 21. Jahrhunderts hergeleitet.

Getreu dem Motto der französischen Revolution Freiheit (Marktwirtschaft) – Gleichheit (Planwirtschaft) – Brüderlichkeit (Assoziativwirtschaft), folgte nun eine Wirtschaftsform, die davon geprägt ist, dass alle Marktbeteiligten die Regeln in einem demokratischen Prozess für die Gemeinschaft aller aufstellen und entsprechend miteinander wirken.

Die Schüler schienen nach dem ersten Tag des als Pflichtveranstaltung ausgelegten Projektes und dem frühen Aufstehen noch etwas gezeichnet und mit den neuen Möglichkeiten noch etwas überfordert zu sein. Denn kannte man die Regeln der beiden bisherigen Modelle, konnte man sie in bestimmte Richtungen interpretieren oder gar brechen. Jetzt allerdings hatten die Schüler die Aufgabe, die eigenen Marktregeln in einem weit gefassten Rahmen festzulegen, bevor man wiederum mit ihnen spielen konnte. Unser Spielleiter hatte seine Mühen, die Gruppe fokussiert zu halten und die Führung durch das Spiel nicht zu verlieren. Er versuchte mit immer mehr Regeln dem Geschehen wieder eine Richtung zu geben. Die Schüler drohten in einer gelangweilten 0-Bock Stimmung das Spiel platzen zu lassen. Kurz vor der Mittagspause unterbrach der Spielleiter und eine dazu gestoßene Pädagogin das Spiel, da die Verkäufer des Marktes stinksauer auf die Konsumenten waren, die entgegen den zuvor abgesprochenen Mengen diese nicht abnehmen wollten, und jegliche Verhandlungen einstellen wollten, nachdem die Produzenten wiederum die genauen Zahlen ihrer Ernte nicht rausrückten. Auch keine der aufgestellten Berechnungen schienen zu stimmen und die Schüler begannen zu fragen, ob das Spiel überhaupt funktioniere.

Mit einem „Ich mag lieber gegen die spielen, als zusammen.“ ging es dann für die schon seit einer Stunde die Uhr beobachtenden Schüler in die Pause.

Was war passiert? Oder besser gesagt, was hatten die Schüler bisher erfahren? Mehr Wissen steigert den Gewinn einer Partei, Betrug bringt kurzfristigen Gewinn und den anderen eines auszuwischen für den eigenen Spaß ist wesentlich witziger. Bestätigt wurden diese Erkenntnisse durch das vom Spieldesign gewollte Scheitern, jedenfalls wirkte das leider so einseitig, der Planwirtschaft. Die Kids waren jetzt allerdings dazu aufgefordert, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Der Spielleiter versuchte in großer Aufopferung mit Regeln (wie bisher) die dazu notwendige Kreativität wieder in Gang zu bringen. Das gelang ihm zunächst ebenso wenig, wie mit mehr Handlungsvorgaben den Spaß und das Interesse des Vortrages zurück zu holen.

In der Mittagspause dann wurde ich gebeten aktiv mitzuwirken. Obwohl dies eine große Herausforderung werden würde, kannte ich das Spiel doch kaum, freute ich mich sehr über diese Chance. Ich ging zu den beiden Schülern, die in ihren Rollen als offizielle Pressesprecher den Prozess beobachtet hatten und die Situation bereits versuchten zu entschärfen, und sicherte ihnen zu, dass sie von nun an freie Handlungsoptionen hätten, dass sie jetzt alle Regeln selbst bestimmen dürften. Nach einigen irritierten Blicken und viele Frage danach, ob das so ginge oder nicht unrealistisch sei, kamen die Schüler dann auf eine so grandiose Lösung, wie wir sie uns nicht besser hätten ausdenken können. Ich habe diese später einem Wirtschaftsprofessor an der TU Dresden kurz vorgestellt, er wollte es mir kaum glauben.

Doch noch viel bemerkenswerter war das, was nach der Mittagspause dann passierte. Die Schüler schienen wie ausgewechselt und wie sich später herausstellen sollte, hatte die streikende Verkäuferfraktion sich untereinander bereits geeinigt. Die Verhandlungen liefen wieder an, die Parteien brauchten wenige Minuten und ganz kurze und gezielt geführte Diskussionen, um wieder auseinander zu gehen und den Markttag starten zu lassen. Was dann folgte, kann ich nur noch als ein Ideen Feuerwerk bezeichnen. Hier einige Auszüge:

„Warum soll man mehr kaufen als die Hungergrenze?“

„Warum teilen wir nicht einfach alles?“

„Wir machen keine Schulden. Außer, wir brauchen kurz mehr Geld, um Waren zu kaufen und gleich wieder zu verkaufen, aber das klären wir einfach kurz mit der Bank.“

„Wir lassen einfach den einen Großhändler die Kartoffel und den anderen Großhändler die Premiumtomaten kaufen und verkaufen, dann können die sich um die Optimierung der Preise kümmern.“

„Wir bilden einfach für die Verkäufer ein Gemeinschaftskonto, für die Käufer […] damit der Austausch schneller funktioniert und alle gleich wissen, wieviel Geld wir noch einsetzen können.“

„Lasst uns doch einfach die Nachfrage versteigern und dann Mengenabsprachen treffen, damit wir nicht mehr gekauft oder verkauft wird, als wir alle brauchen.“

Spätestens nach der letzten Aussage hatten die Spielleiter Probleme, sofort zu folgen, da die Schüler sich bereits völlig neue Wirtschaftsmodellaspekte gemeinsam erarbeitet hatten. Es war einfach unglaublich, mit wieviel Engagement und Begeisterung die Kids auf einmal dabei waren, als man Ihnen den Raum gab, kreativ zu werden und das Spiel über die Regeln hinaus weiterzuentwickeln und zwar so, dass es überhaupt erst für sie Sinn machte. Oder anders formuliert, erst nach diesen Experimenten war den Schülern überhaupt klargeworden, warum gewisse Wirtschaftsmodelle wie funktionieren.

Was könnte passieren, wenn wir die Kids zu Themen wie Geld, Werte und Wirtschaft befragen und sie uns Antworten, Denkansätze und Ideen liefern, die unsere Welt weiterentwickeln, ja gar verbessern können? Jedenfalls in diesen beiden Tagen brachten die Schüler neue Aspekte für eine Wirtschaft, die wir nicht selten als gegeben hinnehmen und nicht mehr hinterfragen, ein.

Wir sind der Auffassung, dass wir von unseren Kindern so lernen können.

Diese Wirtschaftstage haben uns unglaublich inspiriert und wir bedanken uns herzlich für die Einladung und die ermöglichten Einblicke bei allen den Beteiligten von „Wirtschaft anders denken“. Mittlerweile haben wir uns dafür entschieden, einen Wirtschaftskongress für Schüler in Dresden angelehnt an diese Idee im Herbst 2017 stattfinden zu lassen. Die Planung hat bereits begonnen.

Dort können wir unsere Wünsche für die Schüler nach weniger Regeln, mehr Raum für Kreativität, eine klarere Kommunikation der Ziele und der Methodik sowie eine noch größere Orientierung an den Interessen und Bedürfnissen der Kids nachkommen. Mit eLearning Angeboten und der Digitalisierung einiger Spielbestandteile möchten wir mit der Zeitersparnis an Erklärungen den Fokus auf das richten, was die Schüler am meisten interessiert.

Besonders bemerkenswert fand ich persönlich, wie schwierig es die Schüler hatten, sich ohne das Bewusstsein über ihre Werte in den Wirtschaftsformen zurecht zu finden. Erst als sie sich ihren Wertevorstellungen wie oben dargestellt durch Austesten, Probieren und Reflektieren gemeinsam näherten, konnten sie nicht nur klarer aus ihrer Rolle heraus spielen, sondern sogar Regeln durch Werte, auf die man sich einigte, ersetzen.

Kleine Randnotiz: Die Banken spielten für die Schüler eigentlich keine Rolle. Sie war einfach da und man musste für Geld oftmals den Umweg über die Bank gehen. Zum Ende des Spieles nahm die Bedeutung der Bank noch einmal mehr ab, da die Schüler zu dem Schluss kamen, dass der Geldkreislauf untereinander schneller und effizienter (in diesem kleinen Maßstab) funktioniert. Wir finden hier bedarf es sehr sehr viel Aufklärungsarbeit, derer wir uns bereits mit Finanzbildung für Schüler angenommen haben.

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