SOCIAL RETURN ON INVESTMENT

Gastbeitrag von Matthias Kasper

Begriffe wie „Social Impact“, „Impact Investing“ und „Social Venture Capital“ sind derzeit in aller Munde. Nicht nur im Nonprofit-Sektor spielt Wirkungsorientierung und Wirkungsmessung eine immer wichtigere Rolle. Vor allem im Zuge von Corporate Social Responsibility (CSR) gewinnt die Frage nach den gesellschaftlichen- und sozialen Wirkungen von Investitionen auch für privatwirtschaftliche Unternehmen immer mehr an Bedeutung und Attraktivität.

Unterstützt wird dieser Trend durch die Agenda 2030, die im Jahr 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Die Agenda 2030 definiert mit den Sustainable Development Goals (SDGs) 17 Ziele, die aktuelle- und zukünftige globale Herausforderungen der Weltgemeinschaft adressieren. Von der Bekämpfung von Hunger und Armut, über hochwertige Bildung, Gesundheit und Wohlergehen für alle Menschen, Geschlechtergleichheit und menschenwürdige Arbeit bis hin zur Bekämpfung des Klimawandels und dem Schutz der Ökosysteme. Die erfolgreiche Umsetzung dieser Agenda erfordert unter anderem ein umfassendes Investitionspaket, das durch öffentliche- und private Mittel finanziert werden soll. Die United Nations Conference on Trade and Development rechnet in diesem Kontext mit einem Investitionsvolumen von 3,3 – 4,5 Billionen US-Dollar für die Bereiche Infrastruktur, Nahrungsmittelversorgung, Bekämpfung des Klimawandels, Gesundheit und Bildung „alleine“ für die sogenannten Länder des globalen Südens.[1] Angesichts stark belasteter öffentlicher Haushalte in den Industriestaaten ist mit einer eher zaghaften Erhöhung von „Entwicklungshilfe-Geldern“ zu rechnen, sodass die internationale Gemeinschaft bei der Umsetzung der SDGs vor allem auf eine steigende Investitionsbereitschaft des Privatsektors hofft.[2]

Mit Geld Gemeinwohl gestalten – Von reiner Finanzrendite zu mehr Sinn beim Investieren?

In diesem Kontext stellt sich allerdings auch die Frage, ob ein „business-as-usual“ – und damit auch ein klassisches Investitionsverständnis, das vor allem mit dem Zweck einer möglichst lukrativen Finanzrendite einhergeht – ausreicht, um die Agenda 2030 erfolgreich umzusetzen. Man könnte hier einwerfen, dass dies nur mit einem Paradigmenwechsel zu einer echten nachhaltigen Unternehmensführung möglich ist. Für Dyllick und Muff erfordert echte unternehmerische Nachhaltigkeit vor allem einen Perspektivenwechsel, bei dem sich Unternehmen fragen, inwiefern sie mit ihren Ressourcen, Kompetenzen, Produkten und Dienstleistungen zur Lösung von sozialen, ökonomischen und ökologischen Problemen auf regionaler und globaler Ebene beitragen können.[3] Dabei geht es nicht mehr „nur“ um die Minimierung von negativen Auswirkungen eines Unternehmens auf seine Umwelt, sondern vielmehr um die Erzielung von positiven Wirkungen für Gesellschaft und Umwelt.[4]  Dieser Ansatz lässt erahnen, dass eine echte nachhaltige Unternehmensführung eben auch mit einem neuen Investitionsbegriff einhergeht, der nicht die Maximierung der Finanzrendite, sondern vordergründig die Förderung des Gemeinwohls im Sinn hat.

Treffend beschreiben lässt sich dieses Investitionsverständnis mit dem Begriff der „sozialen Investition“[5]. Soziale Investitionen lassen sich als private Beiträge zum Gemeinwohl verstehen, die über ein ökonomisches Verständnis hinausgehen.[6] In einer von Quantifizierung und Legitimationsdruck angetriebenem Organisationsumwelt stellt sich allerdings auch schnell die Frage nach der Wirkungsmessung. Ein mögliches Instrument, das Organisationen dabei zur Verfügung steht, ist der sogenannte Social Return on Investment (SROI).

Vom ROI zum SROI?

Der SROI bildet eine Kennzahl, die den gesellschaftlichen Mehrwert einer eingesetzten Investition in monetarisierter Form abbilden soll.[7] Er dient somit der Evaluation von gemeinwohlorientierten Programmen oder Maßnahmen. Im Gegensatz zur klassischen betriebswirtschaftlichen Kennzahl des Return on Investment (ROI)[8] – die den erzielten monetären Gewinn dem eingesetzten Kapital einer Investition gegenüberstellt – erweitert der SROI den Horizont der Wirkungsmessung um die Sphäre des gesellschaftlichen Nutzens. Das bedeutet, dass der SROI einer Logik folgt, die die Förderung des Gemeinwohls in das Zentrum der Wirkungsanalyse rückt und somit einen Investitionsbegriff stärkt, der über reine Finanzbilanzen hinausgeht. Dies impliziert unter anderem auch einen grundsätzlichen Perspektivenwechsel im Vergleich zu konventionellen“ Instrumenten wie ROI oder z.B. die Kosten-Vergleichs-Rechnung, die vor allem Aspekte der Wirtschaftlichkeit – und somit ökonomische Effekte – in den Fokus der Betrachtung rücken.[9] Der SROI ergänzt diese Betrachtungsweise um soziale und ökologische Aspekte und stellt in diesem Zusammenhang die Kosten dem gesellschaftlichen Nutzen gegenüber. Überträgt man dies in der Logik des SROI auf ein Beispiel mit einem Verhältnis von 2:1, liefert eine Investition von einem Euro vereinfacht gesagt einen sozialen- bzw. gesellschaftlichen Mehrwert von zwei Euro.[10] Der monetarisierte soziale- bzw. gesellschaftliche Mehrwert kann z.B. durch Kosteneinsparungen im sozialen, ökonomischen oder ökologischen Bereich ermittelt werden. Führt eine getätigte Investition oder Maßnahme z.B. zu einer stärkeren Müllvermeidung, lassen sich die dafür eingesparten Kosten für CO2-Emissionen ermitteln. Investiert ein Unternehmen also z.B. 100.000 Euro in die oben genannte Maßnahme zur Müllvermeidung und spart dadurch Kosten für CO2-Emissionen in Höhe von 350.000 Euro ein, ergäbe sich für diese Investition ein SROI von 3,5. Dabei handelt es sich um ein sehr stark vereinfachtes Beispiel, das lediglich die Logik des Ansatzes verdeutlichen soll. Über die Monetarisierung hinaus, gibt es auch Vorschläge und Bestrebungen, den SROI um qualitative Faktoren (wie z.B. Sozialkapital) zu ergänzen.[11] Dadurch soll der Ansatz des SROI noch integrativer gestaltet- und die Aussagekraft wesentlich erhöht werden. Grundsätzlich kann die Methodik für alle Organisationen interessant sein, die soziale Investitionen tätigen und gezielt Beiträge zum Gemeinwohl leisten.[12] D.h. neben Nonprofit-Organisationen, öffentlichen Organisationen und -Unternehmen eben auch privatwirtschaftliche Unternehmen oder Hybridformen. Der Nutzen der SROI-Methodik für diese Organisationen besteht vor allem in der Schaffung bzw. Erhöhung von Transparenz im Sinne einer ganzheitlicheren Wirkungsmessung. Einerseits nach außen, da die Anspruchsgruppen (Stakeholder) der Organisationen umfangreicher über den gesellschaftlichen Mehrwert der Organisationsaktivitäten informiert werden können und andererseits nach innen, da der SROI auch als Steuerungsinstrument für eine nachhaltigere Unternehmensführung genutzt werden kann. Außerdem kann die Nutzung der SROI-Methodik eine gewisse gesellschaftliche Legitimationsbasis schaffen und rein betriebswirtschaftlich sicherlich auch indirekt zu einem Image-Gewinn führen.

Grenzen des SROI

Gleichzeitig sollte SROI allerdings auch kritisch hinterfragt werden. Hier ließe sich zunächst einmal die Frage stellen, ob es überhaupt grundsätzlich sinnvoll ist, die Wirkungen von Investitionen oder Maßnahmen zu bestimmen und zu messen. Eine nicht zu unterschätzende Frage, die wir uns in Zeiten einer nahezu unbegrenzten Quantifizierung der Welt möglicherweise zu selten stellen. Selbst wenn man diese Frage mit ja beantwortet, ergeben sich weiterhin klassische Kontroversen der Wirkungsmessung. Wie kann man Wirkungen definieren und bestimmen? Inwiefern lassen sich Ereignisse einer bestimmten Maßnahme oder Investition zurechnen? Werden die langfristigen Wirkungen einer Maßnahme oder Investition möglicherweise überschätzt?

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass soziale Wirkungen durch rein ökonomische Analysen in ihrer Gänze sicherlich nicht abbildbar sind. Es besteht also die Gefahr, nicht monetäre Effekte auszublenden.[13] Daraus ableiten lässt sich auch die große Gefahr einer „Ökonomisierung des Sozialen“ und ein gewisses Instrumentalisierungsrisiko sozialer Beiträge durch privatwirtschaftliche Akteure.[14] Die einfache Ergänzung eines betriebswirtschaftlichen Begriffs durch die Erweiterung „Social“ reicht sicherlich nicht aus, um eine echte nachhaltige Unternehmensführung zu gewährleisten. Dadurch klingt zwar alles gleich viel harmonischer, nachhaltiger und „besser“. Aber davon sollte man sich nicht blenden lassen.    Denn im Grunde wird es eine Frage der unternehmerischen Herangehensweise, Konsequenz und Authentizität sein, wie „social“ eine Investition wirklich ist.

Übertragen auf den Ansatz von SROI heißt das zusammenfassend, dass die Methodik sicherlich eine interessante Herangehensweise für Organisationen sein kann, die ihr Handeln stärker auf das Gemeinwohl und die Schaffung von gesellschaftlichem Mehrwert ausrichten wollen. Dies gilt vor allem für Organisationen, die sich ernsthaft mit einer sozialen Investitionstätigkeit und deren Wirkungsmessung beschäftigen. Gleichzeitig zeigen die oben aufgeführten Kritikpunkte aber auch, dass der SROI-Ansatz Grenzen hat. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der Ansatz noch sehr jung ist und kontinuierlich weiterentwickelt werden muss. Eine Ergänzung um qualitative Faktoren scheint dabei durchaus sinnvoll zu sein.

 

Der SROI-Ansatz kann im Zuge dieses Artikels nur stark vereinfacht dargestellt werden. Für alle Leser*innen, die mehr über das konkrete und praktische Vorgehen der Methodik erfahren möchten, empfehle ich den „guide to social return on investment“ (in englischer Sprache) des SROI network.

Link: http://www.socialvalueuk.org/app/uploads/2016/03/The%20Guide%20to%20Social%20Return%20on%20Investment%202015.pdf

 

Literatur:

Dyllick, Thomas/Muff, Katrin (2016): Clarifying the Meaning of Sustainable Business. Introducing a Typology from Business-as-Usual to True Business Sustainability, in: Organization and Environment, Jg. 29 (2), S. 156-174.

Kehl, Konstantin/Then Volker (2012): Soziale Investitionen. Ein konzeptioneller Entwurf, in: Anheier, Helmut/Schröer, Andreas/Then, Volker (Hg.): Soziale Investitionen. Interdisziplinäre Perspektiven, Wiesbaden, S. 39-86.

Kehl, Konstantin/Münscher, Robert/Then, Volker (2012): Social Return on Investment. Auf dem Weg zu einem integrativen Ansatz der Wirkungsforschung, in: Anheier, Helmut/Schröer, Andreas/Then, Volker (Hg.): Soziale Investitionen. Interdisziplinäre Perspektiven, Wiesbaden, S. 313-331.

Repp, Lars (2013): Soziale Wirkungsmessung im Social Entrepreneurship, Wiesbaden.

United Nations Conference on Trade and Development (2015): Investing in Sustainable Development Goals. Action plan for private investment in SDGs, New York City.

 

Internetquellen:

The SROI network (2012): A guide to Social Return on Investment, in: socialvalueuk.org, Stand 25.08.2019, zum Download verfügbar, URL: http://www.socialvalueuk.org/app/uploads/2016/03/The%20Guide%20to%20Social%20Return%20on%20Investment%202015.pdf, letzter Abruf am 25.08.2019.

United Nations-supported Principles for Responsible Investment Initiative (PRI) / United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) / United Nations Environment Programme (UNEP) / United Nations Global Compact (2015): Private Sector Investment and Sustainable Development, The current and potential role of institutional investors, companies, banks and foundations in sustainable development, in: www.unglobalcompact.org, Stand: 25.08.2019, zum Download verfügbar, URL: https://www.unglobalcompact.org/docs/publications/Private_Sector_Investment_and_Sustainable_Development.pdf., letzter Abruf am 25.08.2019.

Zur Person:

Matthias Kasper hat Nonprofit-Management und Public Governance (M.A.) in Berlin und Amman studiert und arbeitet derzeit als Teach First Fellow an einer Oberschule in Dresden. Als ehrenamtlicher Referent unterstützt er die Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie.

 

 

[1] Vgl. United Nations Conference on Trade and Development (2015), S. 6.

[2] Vgl. United Nations-supported Principles for Responsible Investment Initiative (2015), S. 4 ff.

[3] Vgl. Dyllick / Muff (2016), S. 166 ff.

[4] ebd.

[5] Grundsätzlich können soziale Investitionen von materieller- (Kapital, Immobilien, Grund und Boden, u.a.) oder immaterieller Natur (Wissen, Fähigkeiten, Zeit, u.a.) sein, vgl. Kehl/Then (2012), S. 44. Der folgende Artikel bezieht sich aber in erster Linie auf die materielle Form von sozialen Investitionen.

[6] Vgl. Kehl/Then (2012), S. 39.

[7] Vgl. Repp, L. (2013), S. 33.

[8] Zu Deutsch: Eigenkapitalrendite, Kapitalrentabilität

[9] Vgl. Kehl/Münscher/Then (2012), S. 315 f.

[10] Vgl. The SROI network (2012), S. 8.

[11] Vgl. Kehl/Then/Münscher (2012), S. 325.

[12] Ebd.

[13] Ebd., S. 323

[14] Ebd., S. 323 ff.

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