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Silke Hohmuth schreibt:

Manchmal frage ich mich, woher ich meine Geduld, meine Kraft und meine Ausdauer nehme, um jene Ideen und Visionen, die ich sowohl für die (Finanz-)Wirtschaft, als auch gesellschaftlich – dies konkret in Sachsen – habe, umzusetzen. Das frage ich mich wirklich….

‚Wer sein WARUM kennt, den kann nichts aufhalten‘ sagt Anselm Grün.

Nun, mein WARUM in Sachsen ist klar: ich möchte, dass wir hier gut leben können. Miteinander & Füreinander. Uns, gerade als Ostdeutsche, besinnen auf unsere Werte bzw. diese neu entdecken. Wir Sachsen sind großartig. Diese Wut, die immer wieder sichtbar wird, mag Gründe und Ursachen haben, doch wir dürfen Frieden schließen und sie wandeln in Klarheit und zielgerichtetes Handeln. Eine geballte Faust kann weder geben noch empfangen. Kann auch nicht anpacken – und dies braucht es, 30 Jahre nach der Wende, mehr denn je.

Es ist meine Heimat, in der ich 16 Jahre wohl behütet aufwachsen konnte. 1989/90 kam die Wende und damit mein Einstieg ins (westdeutsche) Berufsleben und man würde es wohl ‚Karriere‘ nennen, was dann folgte. Ich habe es nie so gesehen, ich habe einfach nur gerne und viel gearbeitet und war erfolgreich. Als ich 2006 aus privaten Gründen und nicht ganz freiwillig (ins Vogtland) zurück kam, war es ein Kulturschock. Tatsächlich ‚wie ein anderes Land‘. 2009 mein Umzug nach Dresden – hier einmal mehr.

Ein wichtiger Schlüssel für jenes ‚andere Land‘ schien mir die Wirtschaft. Ungerechtigkeiten durch die Treuhand. Ungleichheiten in der Positionierung des Ostens, der häufig als ‚verlängerte Werkbank‘ gesehen wurde. Ungute Eigentumsverhältnisse beim Wohnraum – häufig sind die Häuser durch ein Steuersparmodell ‚Sonder-AfA-Ost‘ in westdeutschen Händen, was einfach nicht wirklich ‚gesund‘ ist, wenn dies rein aus Renditegesichtspunkten geschieht.
Das sind nicht allgemeine Floskeln, die ich aufzähle. Dies sind konkrete Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren mir genau angeschaut habe – und die sogar mich manchmal wütend werden und umso beherzter handeln lassen.

Ende November 2017 war für mich ein Schlüsselerlebnis, mich in Sachsen stärker zu engagieren als bis dahin. (Hier hab ich auch schon manches gemacht, doch mehr ‚undercover‘). Im November 2017 war ich bei den Bautzener Gesprächen und ‚durfte‘ einen Vortrag von zwei Referenten aus Baden-Württemberg zu Europäischer Wirtschafts- und Finanzpolitik hören, der die Menschen in Bautzen zurückließ mit genau 3 Emotionen: Wut, Angst, Ohnmacht. Verbunden mit einem klaren Aufruf, den Druck gegen ‚die da oben‘ zu erhöhen.

Ich war fassungslos – und doch gewann ich die Fassung schnell wieder, stand auf und lud ein, neue Veranstaltungsformate zu gestalten. Weg von dem Zuhören auf Panels oder Referenten, hin zu der Frage ‚Wie wollen wir – in der Lausitz / in Sachsen – leben und was wollen wir miteinander & füreinander gestalten?‘ Seither bin ich Lobbyistin genau dafür.

Verschiedene Impulse oder Puzzleteile fügte ich in einer ‚Vision für Sachsen‚ zusammen, die ich nun Schritt für Schritt mit Gleichgesinnten umsetze. Manchmal mit Widerständen – und ich weiß dann oft nicht, ob es darum geht, jene Menschen einfach stehen zu lassen oder geduldig zu erklären. Empfehlungen gibt es in beide Richtungen – nicht immer bin ich mir sicher, was der richtige Weg ist.

Ein ganz wesentliches Puzzleteil scheint mir die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie in diesem Bild eines ‚Guten Lebens in Sachsen‘. Wobei ich schon in der Ursprungsvision von Anfang Februar 2018 sage: wir müssen es aushalten, die Bürger Sachsens zu fragen, was für sie die Werte und Gewichtungen sind, die für sie persönlich ‚Gemeinwohl‘ ausmachen. Wir dürfen nicht – 30 Jahre nach der Wende – ein System, was vorwiegend in Österreich und Bayern entwickelt wurde, hier einfach überstülpen. Das ist mein Blick als Ossi, die lange im Westen gelebt hat und beides vereint.

Am 6. Juli 2019 wurde es nun Realität: der Verein ‚Gemeinwohl-Ökonomie Mitteldeutschland‘ wurde gegründet. MenschBank hat an der Entstehung einen großen Anteil. Ich selbst im Koordinationsteam. Aber auch mein Vorstandskollege Martin Schneider, der als Jurist bei der Anpassung der Satzung und auch in der Leitung der Gründungsveranstaltung intensiv mitgewirkt hat. – Und das will etwas heißen, denn wir sind beide manchmal ganz schön ‚genervt‘ von manchen Prozessen in der ‚GWÖ-Bewegung‘.

Ich selbst habe entschieden für den Vorstand zu kandidieren. Von den 5 Vorständen bin ich die Einzige im Osten Geborene. Nur ein Detail, doch ein Bezeichnendes, wie ich finde. (Anm. Es gab nur 5 Kandidaten, die alle gewählt worden sind).

Ich weiß noch nicht, ob es gelingen wird, Offenheit für diese Idee bei den Menschen hier im Land zu erzielen und sie einzuladen in ihren unterschiedlichen Rollen – als UnternehmerInnen, KonsumentInnen, PolitikerInnen, in der Verwaltung, in Bildungseinrichtungen etc.pp. – aktiv mitzuwirken, jene Wirtschaft und Gesellschaft im Sinne des Gemeinwohls zu gestalten.

Mein Weg, dies zu tun, ist es, gute Beispiele sichtbar zu machen. Erfolgreiche Unternehmen, denen es hilft, durch ihre andere Art des Wirtschaftens, das sie über die Gemeinwohl-Bilanzierung sichtbar machen, Probleme, die andere Unternehmen haben, wie z.B. Fachkräftemangel oder hohe Krankheitsraten zu lösen.

Für mich ist Gemeinwohl-Ökonomie im Übrigen per se kein grünes oder linkes Thema. Für mich ist es ein zutiefst werte-konservatives und soziales Thema, das gesellschaftsverantwortlichen Unternehmern Wertschätzung gibt. Ich habe auch wirklich meine ‚Herausforderungen‘ mit manchen Wertungen in der Bilanz – sind einige Punkte diskussionswürdig bzw. dürfen ganz neu Berücksichtigung finden. Dies nur am Rande – um deutlich zu machen, dass nicht jedes Puzzleteil perfekt in die Vision eines ‚Guten Lebens in Sachsen‘ passt. Manches will zurechtgefeilt werden, um es passend zu machen. Und das löst manchmal Widerstände aus … und dann braucht es Geduld, Kraft und Ausdauer.

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