Geschäft um jeden Preis?!

Liebe Kollegen, heut ist so ein Tag, da bin ich ratlos ….

Inzwischen spricht es sich herum, dass wir dann helfen, wenn die Banken nicht mehr helfend zur Seite stehen und Menschen wenden sich an uns teils mit existenziellen Problemen. Wir helfen, wo wir können. Doch es gibt Situationen, da sind wir – so wie heute – rat- und vor allem sprachlos:

Eine Ehefrau, Mutter zweier Kinder, bittet voller Panik und Tränen um Hilfe. Wir beruhigen sie, sprechen mit ihr, schauen die Zahlen an, die Versicherungs- und Kreditverträge.

Leute!!! Leute, Leute, Leute!!! …. Das können wir doch nicht machen!! Wir können doch Menschen nicht so ins Messer laufen lassen. Klar, unsere Kunden sind voll geschäftsfähig, sollten denken und mit Geld umgehen können. Dass sie es nicht können, – jedenfalls nicht alle – wissen wir doch. Warum handeln wir nicht entsprechend? Gilt es wirklich, Geschäft um jeden Preis zu machen?!

Der Fall, den ich anspreche: Der Ehemann einer Familie nimmt innerhalb von 2 Monaten über das Internet in Summe 22 TEUR Ratenkredite auf. Zinssatz 11,9 Prozent. Keine Selbstauskunft, lediglich 2 Gehaltsabrechnungen und die Vorlage der Kontoauszüge des laufenden Kontos, das nicht bei der Ratenkredit gebenden Bank geführt ist.
Zusätzlich im gleichen Jahr kurz vorher rund 20.000 Euro Autokredit, den auch Ihr finanziert, zu 3,99 Prozent. Alles schnell und formlos via Internetanfrage.

745 Euro monatliche Zinsen allein aus den Konsumkrediten, die die Familie bei Euch hat. Sie wohnt noch nicht, sie isst noch nicht, sie fährt noch nicht, sie ist weder versichert noch angekleidet. Apropos versichert: natürlich schließt die Familie noch Versicherungen ab …. Auch hier wurde diese Familie noch einmal richtig – ähm falsch – beraten. Nach unserer Prüfung sparen sie 150 Euro. Die Familie hat noch mehr Verbindlichkeiten: 5.000 Euro auf dem Dispo, 2.000 Euro bei der IKEA-Bank, bei Vorwerk, im privaten Umfeld. Sie wissen im Übrigen nicht wirklich, wofür das Geld alles war. Steuern und Versicherung für das auf Kredit gekaufte Auto – ein BMW – sind viel zu hoch, das Auto nach einem Jahr nicht mehr 20.000 Euro, sondern nur noch 10.000 Euro wert. Ach, da fällt mir ein, der Händler, bei der er gekauft wurde, hat diesen (Bank)Kredit direkt vermittelt. Wie praktisch ….

Wir sind sauer auf all die EU-Verordnungen, die uns das Leben unnötig schwer machen. Und wir fragen uns oft, warum es diese geben muss – schließlich, wenn man menschlich und ehrlich miteinander umgeht, an einer gesunden und nachhaltigen Geschäftsbeziehung interessiert ist, bräuchte es das alles nicht.

Solange es unter uns jedoch Finanz GmbHs – gibt, die in unserem Namen, über Bank-Webseite so einen Sch…. (sorry, mir fällt kein anderes Wort ein) machen, solange brauchen wir wohl diese Verordnungen.

So lange müssen die Kreditinstitute, die gute Kundenbeziehungen pflegen, ihre Kunden verantwortungsvoll beraten und wissen, dass Konsumkredite im seltensten Fall mit ‚gesunden Finanzen‘ einher gehen, wohl unter dem Verhalten mancher in unsrer Branche leiden.

Haben wir nicht alle schon mit Kunden gesprochen – Auge in Auge – die voller Panik und Angst nicht wissen, wie sie den nächsten Monat überstehen sollen. Schon beginnen, Dinge zu verkaufen (in dem Fall den Staubsauger, der noch nicht einmal bezahlt ist). Ja, ja, ich weiß: Eigenverantwortung – und der Kunde ist doch selbst schuld….

Dies ist nur ein Teil der Wahrheit – auch wir Banker haben eine Verantwortung. Wir haben nicht das Recht, Geschäft um jeden Preis zu machen. Wir haben nicht das Recht, mit dem Geld der Aktionäre so verantwortungslos umzugehen, jedes Risiko in Kauf zu nehmen, um Kredite abzuschließen. Wir haben vor allem nicht das Recht, wenn wir uns Finanzexperten nennen, so verantwortungslos mit Kunden umzugehen. Wir wissen alle, in der Schule wird der Umgang mit Geld nicht wirklich gelehrt. In dem meisten Elternhäusern nicht über Geld gesprochen. Die Werbung verführt und gerade in Lebenskrisen scheint das Glück zumindest kurzfristig käuflich. Spielen manche von uns direkt mit diesem Fehl-Wissen der Kunden?!

Wie kann man dieser Familie jetzt noch helfen?! …. rund 40.000 Euro Kredit in einem Jahr ohne einen Gegenwert und ohne die Chance, mit dem vorhandenen Einkommen, der gegebenen Ausbildung und den daraus resultierenden Jobmöglichkeiten, dies zu tilgen.

Ich wünsche mir echt mehr verantwortungsvolle Kollegen, sowohl in den Vorstandsetagen als auch auf den Manager- und Beraterebenen. Die den Blick auf die Menschen haben und eben nicht nur auf die Zahlen. Es ist toll, dass wir Kredite vergebt, dann wenn sie Menschen wirklich helfen. Doch bleiben wir ehrlich, menschlich und fair bei unserem Geschäft. Helfen den Menschen, einen guten Umgang mit Geld zu leben – sind Vorbilder und vertrauensvolle Partner in Finanzangelegenheiten. Ermahnen wir uns gegenseitig – wir brauchen Seriosität und ein stückweit auch wieder ein fast konservatives Banking, um das Vertrauen der Menschen für die Branche zurückzugewinnen.

Ich wünschte mir, es gäbe heute einen Bankvorstand einer Großbank, der Persönlichkeit hat, wie beispielsweise Jürgen Ponto. Der den Mut hat, den Finger in die Wunde zu legen, an die Verantwortung für das eigene Handeln zu erinnern – und der gehört wird. Ich zitiere aus seinem Buch ‚Mut zur Freiheit‘ einen Absatz, den er 1977 für eine Jubiläumsausgabe der Börsen-Zeitung schrieb:

Ganz sicher sind die privaten Banken heute sehr viel stärker unternehmerisch geprägt, als sie es früher waren. Gleichwohl können sie – im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsunternehmen – ihre Aufgabe nicht darin sehen, mit immer wieder neuen oder neu erscheinenden Produkten und Kombinationen den Markt zu gewinnen. Es kann und darf nicht Aufgabe der Banken sein, die Expansion ihres Geschäfts und ihres Tätigkeitsbereichs unter Ausschöpfung aller Möglichkeiten, die ihnen operativ zur Verfügung stehen, zum Selbstzweck werden zu lassen.

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