Angstfrei führen – Gastbeitrag von Pina Heidrich

Pina Heidrich kenne ich schon viele Jahre. Anfang 2011 lernten wir uns bei einem Vortrag und folgendem “Why Cafe?“-Frühstück mit John P. Strelecky kennen. Es folgte die gemeinsame Ausbildung zum Big Five for Life – Coach. Schon damals faszinierte mich ihre Klarheit und ihr enormes Wissen um die Zusammenhänge der menschlichen Psyche. Pina leitet die Paracelsus Heilpraktikerschule Aachen und arbeitet seit über 10 Jahren als Heilpraktikerin für Psychotherapie in Einzelcoachings und für Firmen. Durch einen Zufall trafen wir uns im Januar in Dresden wieder. Auf ihrer Visitenkarten steht heute ‚Angstfrei führen‚ und bei unserem Wiedersehen war schnell klar, dass ihre Kompetenz für MenschBank von unglaublichem Wert ist und wir auf jeden Fall etwas gemeinsam machen wollen. Wir starten mit einem Dialog zum Thema Angst, den wir in Form eines Gastblog-Beitrages veröffentlichen. Unsere Fragen sind kursiv, Pina Heidrichs Antworten in Normalschrift gedruckt. Viel Freude beim Lesen.

Liebe Pina, Danke, dass Du Dir die Zeit nimmst für dieses Gespräch, das ich mit den folgenden Worten eines Filialleiters einer Bank starten möchte: ‚Wenn man in unsere Filiale kommt, kann man die Angst riechen…‘ Wollen wir damit einsteigen: die Angst der Menschen in vielen Banken?

Liebe Silke, lieber Martin, vielen Dank für die Einladung zu diesem Gespräch, ich freue mich!

Die Erfahrung, die Du gerade schilderst, habe ich auch schon häufiger gemacht, gerade in letzter Zeit. Fünf Minuten Gespräch mit einem Banker und das Thema Angst ist auf dem Tisch. Unglaublich oder? Ich werte das aber erst einmal als gutes Zeichen, auch wenn das paradox klingen mag. In den letzten ca. 10 Jahren ist eine Menge passiert, was zur Enttabuisierung von Ängsten oder anderen psychischen Belastungsphasen geführt hat. Wer heute einen Burn Out oder Flugangst hat, muss nicht mehr gleich befürchten, für verrückt erklärt zu werden. Es ist etwas leichter geworden, dazu zu stehen und sich Hilfe zu holen.

Allerdings gilt das, meiner Erfahrung nach, nicht in gleichem Maße für Firmeninhaber, Manager, Führungskräfte oder bestimmte Branchen, wie z.B. das Bankwesen. Hier gilt weiterhin meistens: Auf keinen Fall „Schwäche“ zeigen! Zwar ist es auch hier mittlerweile akzeptiert bis schick, sich einen Coach zu leisten, aber eher für die eigene Performance-Steigerung und nicht etwa, weil man womöglich Ängste hat. Angst zu haben wird nach wie vor häufig wie eine Art berufliches Todesurteil empfunden und geheim gehalten. Deswegen sehe ich das auch erst mal positiv, dass das Gespräch anscheinend jetzt schneller und häufiger darauf kommt. Vielleicht öffnet sich ja jetzt auch in diesem Bereich etwas. Ich freue mich auch sehr über einen Film wie „From Business to Being“. Er ist ein wertvoller Beitrag dazu, dass Führungskräfte sich als Menschen zeigen können und nicht nur als perfekte Leistungsmaschinen.

Woher kommen die Ängste? Der Filialleiter sprach davon, dass die Mitarbeiter wissen, dass es Entlassungen geben wird, man hofft, dass der eigene Platz nicht betroffen ist und doch schwebt dieses Damoklesschwert über einem und lässt einen in Angst verharren.

Woher die Ängste kommen, kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Wie Du erwähnt hast: Drohende Entlassungen, aber auch Überforderung, hoher Druck, mangelnder Ausgleich zum Job, Alkohol/Drogen, private Probleme, traumatische Belastungen bspw. durch einen Autounfall oder einen familiären Krankheitsfall und, und, und… Jeder Mensch ist einzigartig, bringt seine eigene Geschichte und damit auch seine eigenen Ängste mit. Auf der Führungsebene haben wir es natürlich häufig mit Menschen zu tun, die sehr hohe Ansprüche an sich selbst haben und für die permanente Höchstleistung ein Wert an sich ist. Wer dann das Gefühl hat, dem äußeren oder eigenen Leistungsanspruch nicht zu entsprechen, kann sukzessive mit Ängsten oder anderen Warnsignalen der Seele oder des Körpers zu tun bekommen.

Wie kann man in einer Branche, die gewissermaßen von Angst regiert wird, mit solchen Ängsten umgehen? Wie kann man den Menschen in der Branche helfen?

Der erste Schritt mit Ängsten umzugehen ist ja immer, sich überhaupt einzugestehen, dass Angst da ist. Und das ist häufig der schwerste Schritt! Viele Menschen unternehmen erst einmal eine Menge, um das Angstgefühl zu verdrängen. Durch noch mehr Arbeit, durch Sport, durch Alkohol oder andere Ablenkungsmanöver. Irgendwann werden dann aber die „Warnschüsse“ des Körpers und der Seele immer deutlicher.

Ich würde mir wünschen, dass  wir einen anderen Umgang mit Angst bekommen. Das ist auch eines der Ziele meiner Arbeit. Zur Angst gesellt sich nämlich ganz schnell die Scham darüber, dass Angst empfunden wird. Und die Scham ist dann der echte Killer, weil sie Rückzug und Verdrängung bewirkt. Angst ist erst einmal ein ganz natürliches Warnsignal, dass irgendetwas nicht stimmt.  Alle höheren Lebewesen stattet die Natur mit natürlichen Instinkten aus und mit einem ziemlich ähnlichen, automatisch ablaufenden Programm zum Umgang mit Gefahrensituationen.  Identifiziert unser System etwas als Gefahr, gehen wir in einen Flucht- oder Kampfmodus. Gegen einen unterlegenen oder etwa gleichstarken Gegner wird sich ein Lebewesen im Allgemeinen für den Kampf entscheiden, einem überlegenen Gegner versucht es normalerweise, zu entkommen. Dieses Programm wird von unserem Emotional Hirn gesteuert, das sich seit der Steinzeit nicht verändert hat. Sowie unserem System Gefahr signalisiert wird, werden Kaskaden von Botenstoffen und Hormonen ausgeschüttet, die uns in diesen Flucht/Kampf-Modus versetzen = Blut aus inneren Organen und Hirn abpumpen und rein damit in die Muskeln. Denn die Muskeln brauchen wir um flüchten oder kämpfen zu können. Dieser Teil des Gehirns kann auch leider keinen Unterschied machen, ob es sich beispielsweise „nur“ um einen Vortrag oder eine Stresssituation im Job handelt, oder ob der Säbelzahntiger vor der Höhle steht. Unser System bekommt, vereinfacht gesagt, das Signal:  „Stresssituation = Säbelzahntiger = Lebensgefahr!“

Deswegen haben Ängste haben auch nichts mit mangelnder Willenskraft, Stärke oder Intelligenz zu tun! Angst ist KEIN Zeichen von Schwäche! Wenn ich völlig angstfrei wäre, könnte ich keine drei Kilometer mit dem Auto fahren ohne mich und andere in Gefahr zu bringen. Angst wird erst dann zum Problem, wenn sie ein gewisses Maß übersteigt, das uns in unserer Lebensqualität und Handlungsfähigkeit einschränkt. Was kann man also tun, wenn dieser Punkt schon erreicht ist? Wie gesagt, der erste Schritt ist das Wahrnehmen der Angst. Erst dadurch haben wir die Möglichkeit nach Lösungswegen aus der Angst zu suchen. Es macht auch ab einem gewissen Punkt Sinn, dies nicht alleine zu tun. Vielleicht findet man ja im privaten Umfeld jemanden, der einem dabei hilft, oder man sucht sich dafür einen guten Coach oder Therapeuten.

Du hast die Ursachen von Angst beschrieben, welche Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt braucht es, in denen Ängste gar nicht erst entstehen?

Da fällt mir auf Anhieb „Menschlichkeit“ ein. Klingt jetzt erst mal abstrakt, aber  mir fällt schon auf, wie entfremdet vieles in der Arbeitswelt geworden ist. Alleine schon sprachlich: Da ist zum Beispiel während der Bankenkrise immer wieder von „entfesselten Märkten“ die Rede gewesen. Das ist doch völlig absurd! Wer sind denn diese „Märkte“? Sind das irgendwelche seltsamen Wesen, die in Ketten gelegen haben und die dann irgendjemand entfesselt hat? Märkte sind MENSCHEN. Deswegen mag ich es auch, dass Ihr Euch MENSCHBank genannt habt. Wir sind Menschen: Wir haben Gefühle, wir brauchen Ruhephasen, wir sind Teil der Natur und keine Hochleistungscomputer. Wir sind zwar Wesen, die einen tiefen Wunsch nach Weiterentwicklung haben, aber auch das hat seine natürlichen Grenzen. Eine der Grenzen ist die Gier:  Dieses „mehr, mehr, mehr“ das in Teilen der Finanzbranche zum Selbstzweck geworden ist. In meinem Weltbild gibt es für das was wir tun immer eine „erlöste“ und eine „unerlöste“ Form: In dem Beispiel wäre der Wunsch nach Weiterentwicklung (auch persönlicher)  die erlöste Form und das „Mehr“ als reiner Selbstzweck die unerlöste Form.  Mit Menschlichkeit, Respekt und einer gesunden Fehlerkultur haben wir schon mal ziemlich gute Rahmenbedingungen für eine gesunde Weiterentwicklung und angstfreies Arbeiten.

Wir beobachten eine Tendenz der Menschen im Business so zu handeln, dass man nur nichts falsch macht. Gehören nicht Fehler zum Menschsein dazu?

Fehler gehören unbedingt zum Menschsein dazu! Vielleicht sollten wir uns öfter daran erinnern, wie wir Laufen gelernt haben… Wir sind immer wieder hingefallen, haben uns aufgerappelt und es wieder versucht.  Stellt Euch vor, beim ersten Mal Hinfallen hätten wir gedacht: „Oh Mist, ich bin hingefallen, das ist ein FEHLER. Dafür muss ich mich jetzt schämen.  Ach, dann probiere ich es lieber nicht noch mal. Ich könnte ja wieder einen Fehler machen.“  Fatal oder?

Aus Fehlern lernen wir! Uralter Spruch, aber wenn wir den vergessen und nicht mehr beherzigen wird es eng. Ich werde nie einen ganz bestimmten Tag während meiner Psychotherapie-Ausbildung vergessen: Es war ein Tag, an dem wir ganz praktisch geübt haben. Der Dozent leitete den Tag mit den Worten ein „Macht so viele Fehler, wie möglich! Hier ist der geschützte Rahmen dafür:“ Ich war völlig fassungslos. Noch nie hatte mich jemand dazu ERMUNTERT, Fehler zu machen! Das hat einen ordentlichen Ruck in meinem Weltbild gegeben und vieles verändert. Ich habe dann auch an dem Tag einen heftigen „Fehler“ gemacht, aus dem ich unendlich viel gelernt habe. Fehler machen zu dürfen, setzt Kreativität frei! Keine Fehler zu machen, ist das Ende von Entwicklung. Es gibt auf dieser Welt keine Innovation, keine bahnbrechende Idee, die sofort fehlerfrei funktioniert hat. So gesehen ist es ein Widerspruch in sich, fehlerfreie UND kreative Mitarbeiter haben zu wollen!

Ich freue mich auch sehr darüber, wie erfolgreich die Fuckup Nights überall sind. Das ist ein gutes Signal in die richtige Richtung! Normalerweise sehen wir ein erfolgreiches Produkt und bekommen eine sensationelle Erfolgsgeschichte dazu geliefert. Bei einer Fuckup Night erfahren wir dann die ganze Geschichte, nämlich das jede so genannte Erfolgsgeschichte auch eine lange Geschichte des Scheiterns ist. Daran kann man übrigens auch gut sehen, dass wir uns eigentlich die ganze Zeit nur „Geschichten“ erzählen aus denen sich dann unser Weltbild speist, aber das ist ein anderes Thema…

Wir hören manchmal von Führungskräften, dass sie es bedauern, dass ihre Mitarbeiter bei Fehlern oder Fragen sich nicht trauen, auf sie zuzukommen. Was kannst du diesen Führungskräften empfehlen.

Vorleben! Alles was ich mir von anderen wünsche, sollte ich möglichst authentisch vorleben. Wenn ich an mich den Anspruch habe, fehlerfrei  zu sein und nur meine Erfolge kommuniziere, wird auch niemand mit Fragen oder Fehlern zu mir kommen. Einfach mal schauen, wie ich mich denn tatsächlich gebe und wie offen ich selbst mit Fragen und Fehlern umgehe. Das ist die einfachste Lösung.

Was ist deiner Meinung nach der Gegenpart zur Angst?

Freiheit. Die Freiheit, Fehler zu machen und ein Mensch mit Gefühlen (auch Ängsten) zu sein.

Vielen Dank, liebe Pina für dieses Gespräch. Und wie großartig auch, dass Du auf das Thema ‚FuckUp-Night‘ eingehst. Unter uns gesagt sind wir nämlich gerade in Gesprächen für eine ganz besondere ‚FuckUp-Night‘, die Finanzbranche betreffend. Mehr wollen wir noch nicht verraten, doch wir nehmen Deine Impulse auf jeden Fall auf und freuen uns, Dich als Expertin zum Thema Ängste dann auch dazu einladen zu dürfen.

Pina Heidrich ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und Dozentin und arbeitet seit 2005 mit Einzelklienten und für Firmen.

 

www.Pina-heidrich.de

www.angstfrei-fuehren.de

 

2 thoughts on “Angstfrei führen – Gastbeitrag von Pina Heidrich

  1. vor ca 14 Tagen habe ich an einer Mitarbeiterveranstaltung zur bevorstehenden Fusion teilgenommen. Zum Schluss sagt der Vorstandsvorsitzende „..und wer gegen die Fusion ist, dessen Namen lasse ich an die Personalabteilung weiterleiten.“ Dann einen Moment Stille, danach dann „Das war doch nur Spaß“!
    Ich habe mich dann zu Wort gemeldet und gemeint, dass diese Aussage aus meiner Sicht völlig unangebracht war. Es gab Kollegen, die mir danach und noch Tage später Respekt gezeigt haben für diese mutigen Worte (Zitat der Betriebsratsvorsitzenden).

    Das ist Realität!

    1. Lieber Johannes,
      einerseits ist es traurig, dass Du und Deine Kollegen eine solche Erfahrung machen mussten – und es nicht schwer nachvollziehbar, dass vom Vorstand ein solcher Satz kommt, ohne dass einer seiner Kollegen hier interveniert.
      Gleichzeitig auch von meiner Seite mein Dank und Respekt für Deine Klarheit und Deinen Mut, hier etwas zu sagen und idealerweise bei ihm auszulösen, künftig achtsamer in einer solchen, sicherlich für alle Beteiligten ungewissen und schwierigen Situation, zu agieren und gleichzeitig auch den Kollegen zu zeigen, dass Einschüchterung und ein Unterbinden von (Rück)Fragen kein Weg ist, Veränderungen, die in der Finanzbranche unumgänglich sind, menschlich zu begegnen.
      Glücklicherweise gibt es andere Vorgesetzte und Bankvorstände, die zeigen, dass man mit offenem Dialog und Menschlichkeit, durch diese sicherlich schwierigen Zeiten gemeinsam gehen kann – mit Kollegen und Mitarbeitern und mit Kunden.
      Auch dies ist Realität in der Bankenwelt – und es braucht bei den Führungskräften, die so agieren, eine Menge Mut und persönliche Größe.

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