Willkommen in der Welt der Stiftungen

Osnabrück, wir schreiben den 17.05.2017, es ist 09.07 Uhr morgens, ich sitze zwischen vielleicht 40 jungen Menschen….

Ich hatte ja schon so einiges von der Stiftungswelt gehört – sie sei zu starr, wenig innovativ, überaltert, stringent und so dynamisch wie eine Behörde. Das Gegenteil konnte ich dann auf der Stiftungstagung in Berlin mit dem Kreis Junger Menschen und Stiftungen erleben, welche die Stiftung Elemente der Begeisterung initiierte, die sich darauf konzentriert, jungen Menschen in der Stiftungswelt eine Stimme zu geben und sie mit kreativen Ideen und innovativen Projekte zu bereichern. Nun sollte mich auf dem Deutschen StiftungsTag jedoch das wahre Gesicht der Stiftungswelt erwarten, wie man mir noch einmal versicherte. Ich solle nicht so große Erwartungen haben, um nicht enttäuscht zu werden….

Ja klar, denken die Stiftungen zu einem großen Teil immer noch in den Bahnen, wie bereits seit Jahrzehnten. Natürlich hat sich über die Jahre eine starre Hierarchie ausgeprägt, die ein Garant dafür darstellen möchte, dass alles so weitergeht, wie bisher. Nicht überraschend ist auch das Bestreben, das Etablissement nicht in Frage zu stellen, um Konflikte und herausfordernde Änderungsprozesse zu meiden. Allerdings sind wir doch einmal ehrlich, welchem Unternehmen, welcher Institution und welchem Menschen geht das nicht auch (manchmal) so. Sich in Sicherheit wägen zu können, ist doch ein schönes Gefühl. Wir sind doch alle Menschen, schön auch hier wieder daran erinnert zu werden.

Was hingegen überraschend war, ist die ehrliche Bereitschaft auf die Veränderungen in der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik nicht nur zu reagieren, sondern sich Konzepte und Modelle zu überlegen, auch in Zukunft die Förderung des Gemeinwohls noch wirksamer zu gestalten als bisher.  Ich weiß, es klingt schon ein bisschen skurill, dass viele Stiftungen erst in kürzerer Vergangenheit begonnen haben, ihre Geldanlagen auf ökologisch und ethisch-moralisch wertvolle Investments umzustellen, anstatt nur aus einer ökonomischen Perspektive mit den möglichst hohen Erträgen das Gemeinwohl zu fördern.

An dieser Stelle möchte ich die Funktionsweise einer Stiftung gern erklären: Jede Stiftung verfügt über ein Stammkapital, das in der Regel nicht angerührt werden darf. Dies resultiert aus dem Ewigkeitsgedanken heraus, so dass das Geld für das Gemeinwohl immer verfügbar bleibt. Nur kann dieses Geld (Stammkapital) nicht direkt dazu verwendet werden. Das Kapital wird in Geldanlagen investiert und der durch eine gute Verzinsung oder Rendite oder auch Gewinne entstehende Zugewinn kann dann für das Gemeinwohl eingesetzt werden. An einem Beispiel wird mein Punkt noch deutlicher: Ein Stiftung verfügt über ein Stammkapital von ca. 1 Mio Euro. Im aktuellen Niedrigzinsumfeld – die Stiftungen dürfen nach den Landesgesetzten nur zu einem begrenzten Teil in ertragsreiche, jedoch auch risikoreiche Geldanlagen investieren, um das Stammkapital für die Ewigkeit zu erhalten – erzielt sie dadurch einen Ertrag von ca. 18.000 Euro. Genau dieser Betrag kommt dem Gemeinwohl zu Gute. Bisher achteten die Stiftungen selten darauf, wohin sie die 1 Mio. Euro investiert haben. Aus einer ökonomischen Perspektive zählte nur die Höhe der Rendite, nicht jedoch ökologische, moralische oder ethische Aspekte. Sprich, es war gut möglich, dass eine Stiftung mit 18.000 Euro Nahrungsmittel nach Afrika schickte und gleichzeitig mit 1 Mio Euro in Unternehmen investiert war, die im selben Land aufgrund Lebensmittelspekulationen eben diese Armut und den Hunger förderten. Das Ergebnis war dann ein Nullsummenspiel oder möglicherweise ein eigentlicher Schaden, den dies bewirkte.

Wie gesagt, das wirkt sehr skurill, allerdings, die Stiftungen haben dies erkannt, es wurde sehr viel auf dem Stiftungstag darüber gesprochen und Lösungen vorgestellt. Die Kirchen an dieser Stelle sind hier auch schon seit Jahrzehnten Vorreiter und ich bin mir sicher, dass alle Stiftungen irgendwann diesem guten Beispiel folgen. Es bewegt sich etwas, es wird nicht nur geredet. Wir haben bereits darüber gesprochen, die Banken dabei zu unterstützen, Investments zu kreieren, die den Werten ihrer Kunden entsprechen. Auch der Stiftungswelt bieten wir hier unsere Unterstützung an.

Eine weitere wichtige Entwicklung, die immer wieder die Gespräche auf der Tagung bewegten, ist die Kooperation der Stiftungen untereinander für ein noch effektiveres Wirken im Sinne des Gemeinwohls. In den letzten Jahren taten sich vereinzelt Stiftungen immer wieder zusammen, doch mittlerweile beginnen sie ganze Netzwerke auch mit Unterstützung des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen zu bilden, die sich auf bestimmte Zielgruppen oder Themenbereiche konzentrieren. Ein sehr schönes Beispiel passt wunderbar dazu anlässlich des Themas der Tagung ‚Bildung‘ –  14 Stiftungen aus Osnabrück engagieren sich gemeinsam für die Kinder und Jugendlichen der Stadt (http://www.netzwerk-bildung-os.de). In Gesprächen erfuhr ich, dass man gern an der einen oder anderen Stelle noch weitergehen und die Zusammenarbeit intensivieren möchte, doch unterschiedliche Rahmenbedingungen innerhalb und außerhalb der Stiftungen dies nicht immer einfach gestalten. Wir gehen fest davon aus, dass die Gesellschaft über genügend Ressourcen verfügt (Geld / Fähigkeiten / Wissen / Substanz) um alle Bedürfnisse und Hoffnungen in Wirtschaft & Gesellschaft zu erfüllen, sowie Lösungen für jedes Problem und jeden Konflikt zu finden. Wir haben mit dem Aufbau einer Plattform begonnen, welche die 4 wesentlichen Akteure gesellschaftlichen Wandels – Investoren, Organisationen, Fachkräfte und Visionäre – so miteinander verbindet, dass diese Vision auch praktisch umsetzbar wird. Das erste Pilotprojekt dazu wird der Jugendwirtschaftskongress sein.

Ich konnte richtig spüren, wieviel den verschiedenen Menschen aus den Stiftungen an der Lösung ihrer Herausforderungen gelegen ist. Und ihre Ansätze zauberten mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht.

„Erst kommen Beziehungen, dann folgen die Inhalte, ansonsten geht das nicht lange gut.“

„Wir möchten den Projekten mehr Chancen einräumen und voller Wertschätzung Ressourcen teilen.“

„Wir brauchen mehr Vertrauen und einfacherer Prozesse.“

„Wir möchten bei den Projekten mitwirken und nicht nur Geld geben, damit am Ende sich das Projekt auch ohne unsere Hilfe in der Zukunft gut weiterentwickelt.“

„Nachhaltige Investments sind die einzigen wirklich entscheidenden Investments.“

Besonders beeindruckt war ich von einer Aussage unserer bisherigen Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, die auf der Bühne sinngemäß meinte:

„Lassen Sie uns doch einfach unseren Kindern das notwendige Geld für ihre Entwicklung geben und ihnen damit Verantwortung lehren.“

Es wurde auch viel darüber diskutiert, dass Kinder ihr Potential überhaupt nicht entfalten können, wenn sie bereits wie Erwachsene in einer 40h/Woche gefangen seien. Überhaupt sehen sich Stiftungen als einer der wesentlichen Akteure, die Bildung an den Schulen noch viel weiter an den Bedürfnissen der Schüler und weniger der teils zu starren Lehrpläne auszurichten.

Ich bin überglücklich, zum richtigen Zeitpunkt auf die Bühne der Stiftungswelt getreten zu sein. Die Bereitschaft ist da, sich weiterzuentwickeln, sie meinen es ernst und erste wegweisende Ergebnisse lassen sich bereits beobachten. Dafür lasse ich meine Erwartungen gern enttäuschen. Und ich bin mir sicher, dass unsere Vision, alle 4 Akteure – Visionäre / Fachkräfte / Organisationen / Investoren – mit dem Ansatz, sie über ihre Mission und ihre Werte zu verbinden,  in der Stiftungswelt in greifbare Nähe rückt.

Was ich mir noch wünsche: Stiftungen, die ihr Stammkapital ganz oder teilweise aufbrauchen können. Ja ich weiß, auch wenn es mittlerweile gesetzlich vorgesehen ist, haben die allermeisten Stiftungen einfach Angst davor, irgendwann nicht mehr existent zu sein. Und diese Sorge ist auch verständlich.

Wir bei MenschBank haben diese Sorge nicht. Auf die Frage, was unser Ziel ist, antworten wir regelmäßig: dass es uns irgendwann nicht mehr braucht und wir den Verein auflösen können – denn dann wäre unsere Mission und unser gemeinnütziger Zweck erfüllt.

Und so geben wir auch alles, was uns an Ressourcen zur Verfügung gestellt wird, direkt in den Kreislauf. Wir halten nichts zurück. Die Schüler brauchen JETZT unsere Hilfe. Und wir sollten sie unterstützen, mit allem, was in unserer Macht steht.

Es geht um unsere Zukunft – und für diese gilt es zeitnah die Weichen im Bereich Bildung und Verwendung der (Geld)Mittel neu zu stellen.

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