Geteilte Zeit ist Menschlichkeit

Gedanken von Silke Hohmuth

Wir leben in einer merkwürdigen Welt, finde ich. Wir ökonomisieren mehr und mehr unser Leben – und haben gleichzeitig immer weniger Zeit. Logisch: wir verkaufen ja unsere Zeit und leben immer häufiger nach dem Grundsatz ‚Zeit ist Geld‘.

Doch ist Zeit wirklich mit Geld aufzuwiegen – und ist unsere Zeit unterschiedlich viel wert, nur weil der eine mehr Geld für eine Stunde Zeiteinheit erhält, als ein anderer?

Wir tun alles, um im Wohlstand zu leben – individuell und gesellschaftlich – häufig ohne uns selbst die Frage zu stellen ‚Warum?‘ wir genau das tun, was wir tun, und ob jener ‚Wohlstand‘ oder (finanzieller) Reichtum das ist, was wirklich zählt im Leben.

‚Vielleicht geht es ja gar nicht darum, mehr und mehr Wohlstand zu haben; sondern um mehr Wohlgefühl.‘ 

sagte ein Politiker letztens zu mir. Genau darum geht es – so glaube ich – darum, nicht das Bruttoinlandsprodukt als Maß aller Dinge zu nehmen, sondern möglicherweise ein ‚Bruttowohlfühlprodukt‘ zu messen. Auf individueller und gesellschaftlicher Basis und mit Blick auf unseren Planeten.

Bewusst verweise ich nicht auf das Bruttonationalglück, das es im Bhutan bereits gibt, sonst laufe ich Gefahr von manchen ‚großen Leuten‘ nicht ernst genommen zu werden, sondern rege an, eigene Indikatoren in der Wirtschaftswelt zu finden. Dies können sein: Sinn im eigenen Beruf zu empfinden, geringe Fluktuation, hoher Gesundheitsstand, kooperative Mitarbeiter, lebendiger und sich stärkender Wettbewerb und agile Teams.

Als MenschBank ist unser Kerngeschäft, Zeit zu teilen und Menschen zu vernetzen, die im gleichen Sinn tun. Allein das klingt schon lustig: ‚wir teilen Zeit‘. Nein – wir verkaufen unsere Stunden nicht um einen Beratungssatz, sondern hören zu und helfen, wo wir können. Wir vernetzen und inspirieren. Ermutigen und wagen einen gemeinsamen Blick aus einer neuen Perspektive.

Dabei fällt mir auf: auch ich verfalle in Getriebenheit, um ein Ergebnis vorzuweisen, ein Ziel zu erfüllen. Dabei ist mein Ziel doch lediglich, Zeit zu teilen – zuzuhören, zu inspirieren und Brücken zu bauen.

Mehr und mehr erkenne ich, dass es bei den meisten Begegnungen, die wir als MenschBank haben, nicht darum geht, Lösungen für die Herausforderungen aufzuzeigen, sondern den Menschen einfach zuzuhören. Von Mensch zu Mensch. Vertrauen zu entwickeln, sich selbst menschlich zu zeigen – so dass der andere auch Mensch sein kann.

Es gelingt mir nicht immer, offen gesagt ist es sogar oft so, dass ich diejenige bin, die erzählt. Die Mut machen will, Inspiration geben möchte, auf ‚good practise‘ hinweist.

Wenn Du es eilig hast, gehe langsam.

… heißt es in einem Zitat. Wenn Du Ergebnisse willst, sei ergebnis-offen, möchte ich ergänzen und sage diese Worte vor allem zu mir selbst.

Oft habe ich eine halbe Stunde oder eine Stunde bei einem Menschen, dessen Tage und Wochen und Monate durchgetaktet sind. Zu gerne möchte ich wissen, wie ich diese halbe Stunden im besten Sinne nutzen kann. Für ihn und für mich.

Vor allem, so glaube ich, in Dankbarkeit und Wertschätzung für seine Zeit, die er / die sie mir schenkt. Und frei von Angst, dass die Zeit nicht reichen / das Ergebnis nicht stimmen könnte. Alle Zeit der Welt zu haben, dieses Gefühl finde ich so unendlich wertvoll – gerade in der heutigen Zeit. Und gerade im Dialog mit der Wirtschaft und der Politik. Und so werde ich mehr und mehr genau mit dieser inneren Haltung in Termine gehen – in Wertschätzung und Dankbarkeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

− 2 = 1